Adipositas – Psychosoziale Aspekte
„Die Speisen haben vermutlich einen sehr großen Einfluss auf
den Zustand des Menschen, wo er jetzo ist. Der Wein äußert
seinen Einfluss mehr sichtbar, die Speisen tun es langsamer, aber vielleicht
ebenso gewiss.“ (G. C. Lichtenberg 1742–1799).
Unter der Berücksichtigung, dass früher das Hauptaugenmerk
den ernährungsbedingten Mangelerscheinungen galt, müssen in
unserer heutigen Zeit mehr und mehr die Folgen der Überernährung
beachtet werden. Umso mehr belegt das Zitat von Lichtenberg seine ausgezeichnete
Beobachtungsgabe, vor allem aber auch sein Gespür für den Einfluss
der unterschiedlichen Nahrungszusammensetzung auf die Gesundheit.
Neben den Abläufen auf der Ebene der Physis und damit der biochemischen
Zusammenhänge spielen die unterschiedlichen Verhaltensmuster und
ihre Ursachen im Rahmen der psychologischen Adipositas-Forschung eine
tragende Rolle. So unklar die biochemischen Zusammenhänge bis in
unsere heutige Zeit sind, so widersprüchlich und undifferenziert
sind auch die Hypothesen der psychologischen Adipositas-Forschung. Neben
den rein psychologischen Modellen gilt es, auch den sozialpsychologischen
Aspekt nicht zu vernachlässigen.
Psychologische Ansätze
Manche Zeitgenossen müssen bei innerer Unruhe oder Stress zunächst einmal ein Stück Kuchen oder Schokolade essen. Viele von uns können den unterschiedlichen Effekt verschiedener Speisen einschätzen und haben im Laufe ihres Lebens gelernt, welche Nahrungs und Genussmittel die Stimmung heben und welche nur geringfügigen oder keinen Einfluss auf diese ausüben. Solche Vorgänge spielen sich im täglichen Alltag im Unterbewusstsein ab.
Dimensionen menschlichen Essverhaltens
Interessanterweise
laufen bei einem Stimmungstief entsprechend einer Matrix drei alternative
Methoden ab, durch Änderung des Essverhaltens den aktuellen Zustand
zu überwinden. Eine Methode besteht in der Aufnahme fetthaltiger
Kost, eine andere besteht im Wunsch nach kohlenhydratreicher Nahrung.
Die dritte Spezies legt eine Fastenperiode ein. Welche Vorgänge für
diese unterschiedlichen Verhaltensmuster im Gehirn verantwortlich sind,
lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt nicht endgültig erklären.
Die bisherigen Untersuchungen über die Persönlichkeitsstruktur
adipöser Patienten sind weder einheitlich, noch lassen sich Aussagen über Ursache und Wirkung machen.
In Bezug auf die Persönlichkeit treffen die wenigen vorhandenen Studien nur Einzelaussagen, die übereinstimmend Angst, Abhängigkeit und erhöhte
Depressivität postulieren. Andere Studien belegen, dass eine Depression eher zur Gewichtsabnahme führt. Auch Geschlechtsunterschiede dürfen in diesem
Zusammenhang nicht unerwähnt bleiben. Beispielsweise weisen adipöse Männer geringere Depressionswerte auf als solche im normalen Gewichtsbereich.
Aus psychoanalytischer Sicht wird eine starke Deprivation in der Kindheit ebenso wie starke Verwöhnung dafür verantwortlich gemacht, dass Adipöse „oral gestört sind“, d.h. schwer das richtige Maß finden können. Hinsichtlich der Familienkonstellation ist festzuhalten, dass Adipositas häufiger bei Kindern alleinstehender Mütter auftritt. Eine andere Studie erhärtet diese Aussage, und zwar in Bezug auf einen auffällig häufigen Vaterverlust.
Studien, die das Bild innerhalb der Familien reflektieren, belegen, dass adipöse Geschwister häufig die Rolle des „Sündenbocks“ einnehmen. Dementsprechend ist auch der kontakt.html zu anderen Familienangehörigen weniger offen und warmherzig. Andere Studien ermittelten eher das „Nesthäkchen-Dasein“ und das Verwöhnen als
Ursache der Adipositas. Auch in diesem Zusammenhang wird deutlich, dass sowohl ein „Zuviel“ als auch ein „Zuwenig“ zur Entwicklung der Adipositas beiträgt.
Essen kann über ein normales Maß an Lustgewinn hinaus zu einer Ersatzbefriedigung werden und schließlich sogar Suchtcharakter annehmen.
Lernprozesse
müssen in diesem Zusammenhang auch Erwähnung finden. Eine Studie
konnte bei adipösen Kindern eine signifikant häufigere Belohnung
oder Tröstung feststellen, die dann im Sinne operanten Konditionierens
zum „Essen aus Trost“ führen kann. Auch das „Vorleben“ spielt selbstverständlich
eine wichtige Rolle: Der Verzehr von Süßigkeiten der Mutter
ist ein guter Hinweis für die spätere Entwicklung einer Adipositas
der Kinder.
Lernprozesse im Sinne der Kindheitskonditionierung spielen auch in einem anderen Zusammenhang eine wichtige Rolle. Äußere Regulierung der Tischsitten („...
was auf den Tisch kommt, wird aufgegessen“) und latenter Zwang („... noch ein Löffelchen für Mami“) können zu einer herabgesetzten Ansprechbarkeit auf
die Körpersignale z.B. der Sättigung führen. Unter solchen
Bedingungen können Kinder kein adäquates Selbstwertgefühl entwickeln und lernen nicht, interne Stimuli wie Hunger oder Sättigung richtig zu erkennen.
Adipöse Menschen haben oft auch ein gering entwickeltes Selbstbewusstsein. Neben der beschriebe-nen Anfälligkeit gegenüber äußeren Einflüssen wirken diese Menschen in ihrem Sozialverhalten sehr angepasst.
Auch externe Faktoren, d.h. Lebensereignisse, wie Heirat, Schwangerschaft oder Austritt aus dem Beruf, können die noch vorhandene Selbstkontrolle verringern.
Soziale Aspekte
Das Körpergewicht scheint in auffälliger Weise von der
jeweiligen sozialen Schicht und vom Bildungsstand
abhängig zu sein. In Bevölkerungsschichten mit ge-ringem
sozialen Status und geringerem Bildungsgrad
ist Adipositas besonders verbreitet.
Die Darstellung der Adipositas als Attribut des Wohl-stands
hat sich zu einem Zustand der Unsicherheit
und der Isolation gewandelt. Der ehemals „gemütli-che
Dicke“ wird heute als hässlich, charakterschwach
und bildungsmäßig dumm eingestuft. Besonders
Frauen leiden in den letzten Jahrzehnten unter diesem
Wandel.
Die soziale Isolation von adipösen Menschen wurde
in mehreren Studien beschrieben. Adipöse schildern
ihre Sozialkontakt.htmle als unübersichtlich groß oder als
schlecht in der Hinsicht, dass diese weniger Personen
benennen können, bei denen sie Anerkennung und
Unterstützung finden. Adipöse Frauen haben nach
den obengenannten Studien signifikant weniger So-zialkontakt.htmle
mit Männern.
Im Berufsleben klagen adipöse Menschen im Verhältnis
zu Kollegen, Vorgesetzten und Untergebenen über
Diskriminierung. Viele Betroffene werden aufgrund
ihres hohen Körpergewichts erst gar nicht eingestellt,
bei einigen führt der Druck am Arbeitsplatz zur Kündigung
oder zur Entlassung. Die Diskriminierung erfolgt
entweder verbal oder physisch. Von Partnern oder
Freunden fühlten sich nach dieser Studie rund ein
Drittel der Betroffenen diskriminiert. Die häufigste Diskriminierung
erlebten Adipöse jedoch durch Fremde.
Die vorherrschende Diskriminierungsart ist die Beleidigung.
Oftmals werden die Betroffenen auch zum
Abnehmen gedrängt. Einigen weiteren wurde Gewalt
angedroht, andere wurden mit Gegenständen
beworfen, geschubst, geschlagen und gestoßen.
Psychosoziale Auswirkungen bei Kindern und Jugendlichen
Die Unterscheidung der juvenilen Adipositas und der
Adipositas bei Erwachsenen ist sehr wichtig, weil zur
Erhebung der Befindlichkeit in diesem Zusammenhang
immer geklärt werden muss, seit wann die Adipositas
besteht. Adipöse Kinder und Jugendliche
leiden unter psychosozialen Faktoren noch viel stärker
als Erwachsene.)
Untersuchungen belegen, dass die Diskriminierung
stärker ausgeprägt ist und dass fettleibige Kinder und
Jugendliche als unsympathischer eingestuft werden.)
Gerade die Bedürfnisse und psychischen Probleme
der Familien mit adipösen Kindern waren bisher selten
Gegenstand von Studien. In einer aktuellen Untersuchung
wurde versucht, spezifische Familienstrukturen
herauszufinden, welche die elterliche Wahrnehmung
des Problems, ihre Motivation und ihr Unterstützungsverhalten
bei der Gewichtsabnahme beeinflussen.
Anhand verschiedener Kriterien wurden vier
Gruppen gebildet.)
Die Eltern der ersten Gruppe formulieren als Hauptursache
falsches Ernährungsverhalten in der Vergangenheit,
sind stark motiviert und haben eine hohe
Selbstwirksamkeitserwartung.)
Die Eltern der zweiten Gruppe neigen zu Essstörungen,
Alkoholismus sowie Spielsucht und vermuten die
Ursache des Adipositas ihrer Kinder in psychischen
Problemen. Sie weisen starke Schuldgefühle und Hilflosigkeit
auf.)
Die Eltern der dritten und vierten Gruppe gehen von
einer biologischen Disposition der Adipositas aus und
fühlen sich wenig verantwortlich für dieses Problem.
Die Gruppe 3 und 4 unterscheidet jedoch Folgendes:
Der dritten Gruppe liegt sehr viel an der Gewichtsreduktion
ihres Kindes, während der vierten Gruppe
die Lösung anderer Probleme zur Zeit dringlicher erscheint.)
Die Familien der Gruppen 2, 3 und 4 weisen mit Scheidung,
psychischen Problemen der Eltern und Armut
ganz besondere psychische Belastungen auf.)
Während die erste Gruppe eine gute Compliance
bezüglich der Gewichtsreduktion zeigt, ist die
Compliance bei den anderen Gruppen niedriger.)
Aus dieser Studie wird deutlich, dass im Rahmen der
Gewichtsreduktion eine psychologische Beratung
sowohl der Eltern als auch der Kinder notwendig
erscheint.)
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