Adipositas – Begleit- und Folgeerkrankungen - Teil II
Die Therapie der Adipositas ist bereits ab einem BMI von =25 kg/m 2 indiziert, wenn Begleit und Folgeerkrankungen vorliegen, die ein gesundheitliches Risiko bedeuten. Bereits geringfügiges Übergewicht in Verbindung mit Risikofaktoren und Stoffwechselerkrankungen erhöht sowohl Morbidität als auch Mortalität. Der Zusammenhang zwischen Adipositas, Herzinfarkt, Hypertonie oder Diabetes mellitus, um nur einige Erkrankungen zu nennen, ist heute unbestritten. In Deutschland sind ca. 2 Millionen Patienten Diabetiker, weil ihr Übergewicht die Krankheit zum Ausbruch brachte. Stoffwechselerkrankungen
Diabetes mellitus Typ 2
Die Adipositas ist der wichtigste Risikofaktor für die
Entstehung eines Diabetes mellitus Typ 2. Schon Adipositas
Grad I begünstigt die Manifestation eines Diabetes
mellitus Typ 2. Eine Verbindung zum Diabetes
mellitus Typ 1 besteht dagegen nicht.
Der Zusammenhang zwischen dem relativen Risiko
für die Entwicklung eines Diabetes und dem Körpermassenindex
wurde eindrucksvoll in der Nurses´
Health Study dokumentiert. Nach dieser Studie steigt
bereits bei einem Körpermassenindex (BMI) von mehr
als 23 die Neuerkrankungsrate für Diabetes an also
in einem Bereich, der noch als normalgewichtig
bezeichnet wird. Bei einem BMI zwischen 25 und 30,
also im Stadium I der Adipositas, ist die Wahrscheinlichkeit,
eine Zuckerkrankheit zu erleiden, um das
10fache erhöht. Bei einem BMI über 30 steigt dieses
Risiko um das 30–50fache an.
Neben dem Ausmaß der Adipositas wird das Erkrankungsrisiko
für Diabetes auch von der Verteilung der
Fettdepots beeinflusst. Nach Hartz (1983) spielt die
intraabdominale Fettmasse bei der Genese der Zuckerkrankheit
eine besondere Rolle. Danach sind Personen
mit stammbetonter Körperfettverteilung besonders
gefährdet. Die Berechnung erfolgt nach dem Taille-Hüft
Quotienten (vgl. Adipositas – Die Diagnostik).
Ein latenter Diabetes mellitus mündet in den meisten
Fällen erst nach mehreren Jahren in einen manifesten
Diabetes. Wird zu Beginn der Erkrankung die
verminderte Insulinwirkung durch einen Hyperinsulinismus
ausgeglichen, so reicht später die Insulinproduktion
der Bauchspeicheldrüse nicht mehr aus:
Der Diabetes wird manifest. Die Ursache der herabgesetzten
Insulinempfindlichkeit ist bisher nicht
geklärt worden. Etwa 80% aller Diabetiker sind heute
adipös. Gelänge bei diesen Diabetikern eine ausreichende
Gewichtsreduktion, bestünde vornehmlich
bei jüngeren in ca.70% der Fälle die Chance auf eine
Normalisierung der Blutzuckerwerte.
Adipositas ist mit einer gesteigerten Insulinproduktion
assoziiert. Die Hyperinsulinämie korreliert mit dem
relativen Körpergewicht, der Fettmasse des Organismus
und der Fettzellgröße. Nach Stimulation ist nicht
nur eine gesteigerte, sondern auch eine verzögerte
Insulinsekretion zu beobachten. Dies führt über die
Down-Regulation zur Insulinresistenz.
Es existieren drei Hypothesen (Randle-Theorie), wie
dipositas die Insulinwirkung herabsetzt und so die
Diabetesenstehung fördert. Danach sind die Lipolyse
und die Glukoseverwertung, der Tumor-Nekrose-Faktor
a sowie das Hormon Leptin an der Entstehung
des Typ-2-Diabetes beteiligt. Alle drei Hypothesen
sind allerdings nicht gesichert und stellen lediglich
einen Erklärungsansatz dar.
Neuerkrankungsrate an Diabetes mellitus bei unterschiedlichem Körpergewicht
 Nach Colditz (1990) 116.000 Krankenschwestern im Alter von 35–55 Jahren (Nurses’ Health Study)  Pathophysiologische Beziehungen zwischen Adipositas und Typ-2-Diabetes
Dyslipidämien
Eine weitere wichtige Gruppe der Stoffwechselerkrankungen
sind die Dyslipidämien.
Die Framingham-Studie belegt bezüglich der verschiedenen
Risikofaktoren vielfältige, mit der Adipositas
assoziierte Mortalitätsursachen. Die Korrelation
zwischen Cholesterin-, Triglyzerid- und Harnsäure-spiegel
und dem BMI ist in zahlreichen Studien nachgewiesen.
So beweist die PROCAM-Studie (Unter-suchung
von 12.000 Betriebsangehörigen), dass adipöse
Personen etwa dreimal so häufig eine Hypertriglyzeridämie
aufweisen wie normalgewichtige
Vergleichsgruppen.
In einem Subkollektiv von 4.500 Personen wurden in
Beziehung zum erniedrigten HDL-Cholesterin nicht
nur kardiovaskuläre Risikofaktoren evaluiert, sondern
auch die koronare Herzkrankheit mit klinischen
Begleiterkrankungen wie Herzinfarkt, Herzinsuffizienz
oder auch Herztod erfasst. Danach trug die Kombination
Hypertriglyzeridämie und erhöhtes LDL-Cholesterin
und ganz besonders Hypertriglyzeridämie
und erhöhter LDL/HDL-Cholesterin-Quotient
in erheblichem Maße zur Entstehung einer koronaren
Herzkrankheit bei. In diesem Zusammenhang
zeigte die Helsinki-Herz-Studie, dass eine Senkung
der Triglyzeride das Herzinfarktrisiko deutlich vermindern
kann.
Die häufigste Stoffwechselstörung bei Adipositas ist
die Hypertriglyzeridämie. In der Lipid-Elektrophorese
lassen sich erhöhte Serumtriglyzeride, ein erniedrigtes
HDL-Cholesterin und ggf. ein erhöhtes LDL-Cholesterin
nachweisen. Bezüglich des LDL-Cholesterins
spielt weniger die erhöhte LDL-Konzentration als vielmehr
die veränderte Zusammensetzung der LDL-Partikel
eine Rolle. Metabolisches Syndrom
Im Symptomenkomplex des metabolischen Syndroms
treffen hochbrisante Faktoren zusammen, welche die
Entstehung einer Arteriosklerose begünstigen. In einer
Checkliste gilt es fünf Kriterien zu berücksichtigen. Die
Familienanamnese gibt Hinweise auf eine genetische
Disposition. Des Weiteren muss das Fettverteilungs-muster
festgelegt und die Leber sonographisch auf
Hinweise für eine Fettleber hin untersucht werden.
Die Blutdruckmessung ist obligat. Sind zwei oder
mehr dieser Risikofaktoren positiv, dann ist ein metabolisches
Syndrom wahrscheinlich und sollte mittels
Glukosetoleranztest abgeklärt werden. Ein pathologisches
Ergebnis bestätigt die Diagnose. Im Zentrum der therapeutischen Bemühungen stehen die
Gewichtsreduktion und die langfristige Änderung
der Ernährungsgewohnheiten sowie gesteigerte
körperliche Bewegung. Die Senkung des Blutdrucks,
vornehmlich mit Pharmaka, die den übrigen Stoffwechsel
nicht negativ beeinflussen, und die Verhinderung
eines Diabetes mellitus Typ 2 stehen ebenfalls
im Mittelpunkt der Behandlung.
Schlafapnoe-Syndrom und Adipositas
Verteilung von BMI-Häufigkeiten bei unterschiedlichen
Apnoeklassen (modifiziert nach Heitmann 1993)
Respiratorische Erkrankungen
Respiratorische und kardiovaskuläre Erkrankungen im
Rahmen der Adipositas hängen unmittelbar zusammen.
Die Druck und Volumenbelastung führt zur
Dilatation und Hypertrophie des Herzens. Meist entwickelt
sich zunächst eine Linksherzinsuffizienz, nachfolgend
eine Lungenstauung und schließlich eine
globale Herzinsuffizienz. Koronarveränderungen und
Einschränkungen der Lungenfunktion sind die weiteren
Folgen. Eine Atemnot, die bereits bei geringen
körperlichen Belastungen auftritt, gehört zu den
Frühsymptomen (Belastungsdyspnoe). Schlafapnoe-Syndrom
Unter einer Schlafapnoe ist eine Atempause während
des Schlafens mit einer Dauer von mehr als 10 Sekunden
zu verstehen. Etwa 4% der Männer und 2% der
Frauen über 40 Jahre sind von dieser Erkrankung
betroffen. Rund 80% der Schlafapnoe-Patienten sind
adipös. Insbesondere bei den klinisch gravierenden
Formen mit hohen Apnoe-Indizes ist eine Adipositas
mit einem BMI von mehr als 35 ca. 20mal häufiger
vertreten als in der Allgemeinbevölkerung.
Im tiefen Schlaf kann bei verlangsamter, flacher Atmung
ein Atemstillstand entstehen, der in einem
Sauerstoffmangel mündet. Dieser führt in der Regel
zu einem schreckhaften Erwachen mit reflektorischer
Hyperventilation und Tachykardie. Die häufigen
Schlafunterbrechungen haben ein Schlafdefizit zur
Folge. Im Zuge des Schlafdefizits kommt es zu einer
Tagesschläfrigkeit mit einem deutlich erhöhten
Unfallrisiko.
Die Therapie besteht in erster Linie in der Behandlung
des bereits vorhandenen Risikofaktors Adipositas.
Studien belegen, dass nach erfolgreicher
Gewichtsreduktion ein Drittel der Patienten beschwerdefrei,
ein Drittel gebessert und ein weiteres
Drittel unverändert sind. Pickwick-Syndrom
Die häufigste Variante des Schlafapnoe-Syndroms ist
das Pickwick-Syndrom. Den Namen erhielt die Erkrankung nach der Romanfigur Little Joe in Dickens´
Roman „Die Pickwicker“. Bei diesem Syndrom handelt
es sich um einen Symptomenkomplex aus hochgradiger Adipositas, unüberwindlichem Schlafdrang am
Tage, nächtlicher Schlafstörung und Zyanose. Die Erkrankung kommt fast ausschließlich bei Männern vor.
In Lungenfunktionstests und in der Blutgasanalyse
zeigt sich eine alveoläre Hypoventilation mit zum Teil
extremer Hyperkapnie. Die Therapie besteht hier
zunächst in einer Gewichtsreduktion. Neue Studien
haben den Nachweis erbracht, dass deutliche
Adipositas auch ohne Schlafapnoe-Syndrom und
Pickwick-Erkrankung die Schläfrigkeit am Tage
erhöhen kann. Asthma bronchiale
In den vergangenen Jahren wurde bereits häufig über
den Zusammenhang zwischen Adipositas und Asthma
bronchiale spekuliert. Eine neue Auswertung der Nur
ses´ Health Study konnte diesen Verdacht bestätigen.
Adipöse haben danach offenbar ein dreifach erhöhtes
Risiko, an Asthma bronchiale zu erkranken. Nach den
Ergebnissen der Harvard Medical School in Boston
scheint also die Adipositas selbst ein Risikofaktor zu sein.
Dies widerlegt die Vermutung, dass Asthma zuerst auftritt und die Patienten
aufgrund ihrer geringeren körperlichen Bewegungsaktivität zu Adipositas neigen.
Fortsetzung von Begleit- und Folgeerkrankungen
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